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Reisebericht: Der Mythos Cuba … von Uwe Wasserthal

Für viele war Cuba in den vergangenen Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort. Doch was macht diesen Mythos aus und wie steht es heute damit?

Als ich Cuba 1985 das erste Mal besuchte, gab es praktisch keinen Tourismus. Wer sich in Cuba bewegen wollte, mußte sich in jeder Provinz auf der Polizeistation anmelden und beim Verlassen der jeweiligen Provinz wieder abmelden. Es gab einige wenige Hotels in den größeren Städten und die wenigen Touristen – meistens Besucher aus dem Ostblock oder der DDR – konzentrierten sich auf das damals gerade aufstrebende Varadero, Cayo Coco und Cayo Largo und in Guardalavaca gab es schon vereinzelten Tauchtourismus.

Die Stadt Baracoa im Osten von Kuba

Als politisierter Mensch verknüpfte man damals Cuba vor allem mit dem Bild des kleinen David, der dem übermächtigen Goliath USA erfolgreich trotzte und das Bild von Che Guevara hing in jedem Studentenzimmer. Ich war damals auch ohne viel Geld schon in der ganzen Welt herumgekommen und nun betrat ich ein Land, von dem ich außer naiven, politischen Idealen keine Vorstellung hatte.

Und es traf mich wie ein Blitz: Die politischen Dinge spielten im Alltagsleben der Cubaner praktisch keine Rolle, ich fand extrem freundliche Menschen und trotz allgegenwärtigem Mangel pure Lebensfreude. Dazu kamen das angenehme Klima, karibische Strände und die wunderschöne Landschaft. Ich war diesem Land verfallen und habe es bis heute immer wieder regelmäßig, auch schon zwei- oder dreimal im Jahr, besucht.

Kubas plötzliche Tourismuswelle ab 1990

Mit diesem Gefühl war ich aber anscheinend nicht allein, denn ab 1990 begann der Tourismus stetig zuzunehmen und es wurde einfacher, sich im Land zu bewegen. In diesem Jahr entstanden auch die ersten Joint Ventures mit europäischen Hotelketten, wobei der Staat bis heute immer mit mindestens 51 Prozent beteiligt ist. Wenn ich Staat sage, meine ich damit das Militär, dessen Hauptaufgabe aktuell eigentlich eher Tourismusmanagement als Landesverteidigung ist.

Kubas Öffnung im Jahr 2016: Zurück ins Batista-Zeitalter?

Diese rasante Steigerung des Tourismus fand ihren vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2016, nachdem Obama mit seiner Annäherungspolitik ein baldiges Ende des Embargos und eine Öffnung des Landes in Aussicht stellte. Nun wollte jeder noch einmal den „Mythos Cuba“ erleben, bevor Scharen von Amerikanern die Insel zu ihrem 51. Bundesstaat machen und Rauschgift, Prostitution und Korruption das Land wieder in die 1950er Jahre unter Batista zurückwerfen.

Kuba-Hotels leiden an Kapazitätsmangel und fehlenden Ersatzteilen

Natürlich konnte die Infrastruktur mit diesen Touristenmengen nicht mithalten, Hotels mit 4 oder 5 Sternen Landeskategorie sind oft 1 oder 2 Stufen niedriger anzusiedeln, technische Einrichtungen der Hotels sind oft kaputt und können aus Mangel an Ersatzteilen nicht repariert werden und dennoch findet man selten einen Touristen, der nicht begeistert von Cuba ist. Was macht also diesen Mythos aus?

Da sind zunächst einmal die Menschen, die diesem Land sein Gesicht geben. Wer Cubaner kennenlernt, wird sofort von deren Freundlichkeit beeindruckt sein. Kommunikation ist allen wichtig, jeder kennt seine Nachbarn, man hält regelmäßig ein Schwätzchen und die Familie steht immer an erster Stelle.

Nachdem vor einigen Jahren fast 1,5 Millionen Cubaner aus dem Staatsdienst entlassen wurden – sie sollten sich in 160 freigegebenen Berufen selbständig machen – standen plötzlich viele ohne Geld da und werden seitdem nur durch die Unterstützung von Familienangehörigen versorgt.

Kleine Tricks und niedrige Alltagskriminalität

Durch den Tourismus ist viel Geld in das Land gekommen und wann immer Cubaner Kontakt mit Touristen haben, fällt ihnen eine Geschichte ein – das kleine Kind benötigt ein Moskitonetz, die Oma ist krank, man braucht ein Busticket zur Beerdigung des Schwagers etc. – warum der Tourist dringend helfen muß.

Wehrt man dann diese Anfrage ab, wird nicht böse oder enttäuscht reagiert, sondern das Gespräch geht freundlich und entspannt weiter, fast mit etwas Hochachtung, da das Gegenüber ja diesen kleinen Trick durchschaut hat. Agressivität gibt es im Alltagsleben fast nur einmal bei Betrunkenen oder bei Eifersuchtsdramen, die Kriminalitätsrate in Cuba war bis vor kurzem extrem niedrig.

Wer nun aber bei Cuba an ein kommunistisches Land denkt, bei dem alle gleich sind, der liegt heutzutage total falsch. Erstens einmal war Cuba nie kommunistisch – auch wenn es aus Not fast 30 Jahre von Rußland Unterstützung bekommen hat. Und zum zweiten hat Cuba heute durch den florierenden Tourismus mindestens eine Mittelschicht und sogar eine kleine Oberschicht. Kubanische Ökonomen sprechen von etwa zehn Prozent der Bevölkerung, die über ein erhebliches Einkommen verfügen.

Geld und (Massen-)Tourismus im kubanischen Alltag

Während ein Staatsbediensteter – egal ob Professor, Beamter, Straßenfeger oder Arzt – monatlich umgerechnet etwa 20 Euro verdient, können Oldtimer-Taxifahrer oder Besitzer von Paladares (private Restaurants) leicht das 50-fache davon einnehmen. In Havanna gibt es eine richtige Yuppie-Szene, wo in den entsprechenden Bars fast ausschließlich Cubaner verkehren, die ohne mit der Wimper zu zucken für einen Cocktail 6 oder 7 Euro bezahlen, also ein Drittel des Momatslohns eines „normalen“ Cubaners.

Der wichtigste Besitz eines Cubaner ist auch hier inzwischen ein Smartphone, auch wenn das Internet fast überall elend langsam ist. Bei meinen Besuchen in der Calle Obispo in Havanna – die Haupt-Touristenstraße – stand noch bis 2010 jeder dritte Laden leer, heute findet man hier edle Boutiquen und Souvenirläden und wenn mal wieder ein Kreuzfahrtschiff seine 3.000 Gäste ausgespuckt hat, ist Havanna von Barcelona oder Madrid kaum zu unterscheiden.

In Havanna Vieja ist nun fast die ganze Altstadt mit Mitteln der UNESCO restauriert, ein Essen in einem besseren Restaurant kostet fast soviel wie in jeder anderen europäischen Hauptstadt.

Echte und falsche Zigarren – so unterscheidet man sie

Dann gibt es da natürlich noch drei andere Dinge, die jeder mit Cuba verknüpft: Zigarren, Rum und Musik. Zunächst einmal zu den Zigarren, die auch heute noch ein wichtiger Exportschlager des Landes sind. Da ich selber immer mal wieder rauche, habe ich in Cuba so ziemlich alles ausprobiert, was qualmt.

Es gibt drei Gruppen von Zigarren in Cuba: Die „Echten“ aus den staatlichen Läden, die „Echten????“, die man auf der Straße angeboten bekommt und die von einem angeblichen Familienmitglied, das in einer Zigarrenfabirk arbeitet stammen und diejenigen, die die Campesinos rauchen.

Die „Echten“ sind gut, aber mit etwa dem halben Preis von Deutschland immer noch teuer. Auf die „Echten????“ sollten man in jedem Fall verzichten, egal wie billig sie angeboten werden. Es sind immer Fakes, sogar die Banderolen und Kistchen sind perfekt nachgemacht. Die Einfachen kosten meistens 1 Euro für 25 Stück und sind oft so gut, wie 30-Dollar Zigarren.

Auch beim Rum ist die Auswahl einfach, bei dem ganz billigen Gesöff muß man Angst haben zu erblinden, aber für 4-5 Euro bekommt man schon einen milden Drei-Jährigen, sieben Jahre muß man mit 6-8 Euro bezahlen.

Musik: Wer die Casa de la Trova-Insidertipps kennt …

Dann bliebe noch die Musik, die mit Sicherheit einer der wichtigsten Faktoren für gute Laune in Cuba ist. Jede größere Stadt hat ihre Casa de la Trova, in der Gruppen auftreten und man immer auch tanzen kann. Spätestens seit dem Wim Wenders Film „Bueno Vista Social Club“ ist die kubanische Musik weltweit bekannt und wer immer auf seiner Reise die Gelegenheit hat einer Gruppe zu lauschen, sollte hinhören.

Auch hier ist es besser die Touristenspots zu meiden, ich war 2001 mal auf einem Straßenkonzert mit Eliades Ochoa in Santiago, da waren bei 10.000 Zuschauern vielleicht gerade einmal 50 Ausländer dabei, den Rum gab es in gut gefüllten Platikbechern für umgerechnet 50 Cent und die gut Stimmung war gratis. Um heute solche Orte zu finden, muß man das Land aber auch schon gut kennen oder noch besser dort Freunde haben.

Wie steht es also heute um den „Mythos Cuba“? In vielen Gesprächen mit jungen Cubanern konnte ich eine sehr dezidierte Haltung feststellen. Man ist sehr wohl darüber informiert, was es in anderen Ländern so an Kosumgütern gibt und möchte daran natürlich patizipieren. Dennoch überwiegt bei den meisten – nicht wie bei den Exilcuabanern aus Florida – die Haltung, daß man nie wieder von den USA abhängig sein will.

Der neue Staatsratspräsident und Regierungschef Miguel Diaz-Canel ist noch nicht lange genug im Amt, daß man seinen zukünftigen Kurs genau einschätzen könnte. Er wird es nicht so einfach haben wie Fidel Castro, sein Volk auf einen einheitlichen Kurs einzuschwören. Unter Fidel waren die Konsumverlockungen noch nicht so groß, er konnte sich auf Bildung (in Cuba gibt es weniger Analphabeten, als in Deutschland) und Gesundheitswesen (die Kindersterblichkeit in Cuba ist geringer als in Deutschland) konzentrieren.

Am Tag als Fidel Castro im November 2016 starb, bin ich gerade mit einer Fotoreisegruppe nach Cuba geflogen und wir konnten Zehntausende Cubaner sehen, die weinend seine Verdienste würdigten, auch wenn sie teilweise politisch eher anders dachten.

Überlaufene Touristenorte: Hinfahren oder nicht?

Für mich liegt der „Mythos Cuba“ heute schon fast eher im Vorborgenen. Havanna Vieja mit seinen von Touristen überlaufenen Hotspots schenke ich mir meistens, ein Urlaub in den Hotel-Ghettos von Varadero oder Cayo Coco kommt für mich sowieso nicht in Frage und die übliche Rundreise „Ganz Cuba in 2 Wochen“ hinterläßt bei den meisten Reisenden nur Streß und ein schales Gefühl.

Wo man den Mythos Kuba noch besonders spürt …

Da ist es viel zielführender, zwei oder drei Tage an einem Ort zu bleiben und sich auch einmal auf das Land einzulassen, zum Beispiel durch eine Übernachtung in einer Casa Particular.

Ganz besonders schön und für mich untrennbar mit dem „Mythos Cuba“ verbunden ist die unvergleichliche Landschaft mit seinen vielen dünnbesiedelten Nationalparks, sauberen Flüssen, Wasserfällen und wirklich noch einsamen Stränden, wo keine Hotels ihre Liegestühle (die dann auch hier ab 8 Uhr morgens mit Handtüchern reserviert sind) direkt am Strand plazieren können. Wenn Cuba hier den richtigen Weg einschlägt und einen sanften, hochpreisigen Tourismus wie z.B. in Costa Rica vorantreibt, wird es den „Mythos Cuba“ noch lange geben.

Text & Bilder: Uwe Wasserthal (Fotograf & Reiseleiter)

Kuba intensiv und abseits massentouristischer Orte erleben und Stimmungen einfangen …

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